Auf einer der folgenreichsten Baustellen im europäischen Automobilbau werden die letzten Handgriffe vorgenommen: BYD steht kurz davor, sein Fertigungswerk in Ungarn zu vollenden – und damit ein neues Kapitel in der automobilen Landkarte des Kontinents zu schreiben. Der Zeitpunkt könnte kaum schärfer gewählt sein. Chinesische Marken holten sich 12,7 % der europäischen Neuwagenverkäufe im September – ein Anteil, der vor fünf Jahren bei kaum 1 % lag. Die Autos, die Europas Käufer überzeugen, sind zunehmend genau jene, deren Bau Ungarn vorbereitet.
Für Ungarn steht weit mehr auf dem Spiel als ein einzelnes Werk. Automobilbau, Elektronik und Maschinenbau verbinden ungarische Fabriken seit Langem mit Kunden und Zulieferern auf dem ganzen Kontinent – Beziehungen, die weiterhin wertvoll sind und in die insbesondere Deutschland tief verwoben ist. Das BYD-Werk fügt der Landkarte eine zweite Achse hinzu: eine Produktionsbasis, gezielt ausgerichtet auf die am schnellsten wachsende Kraft auf dem europäischen Markt. Für ein Land, dessen Exportstrategie inzwischen auf Diversifizierung setzt, ist ein chinesisches Flaggschiff auf heimischem Boden weniger eine Investition als ein Hebel.
Die Marktrechnung erklärt die Dringlichkeit. Osteuropas Automarkt liegt bei 3,4 Millionen Einheiten, ein bescheidenes Plus von 0,6 % – flaches Terrain, in dem nicht das Volumen, sondern der Marktanteil die Gewinner bestimmt. Auf dem ganzen Kontinent erobern chinesische Marken diesen Anteil in beeindruckendem Tempo, und die Produktion folgt dem Absatz: Chery bereitet in Barcelona Produktionslinien vor, während BYDs ungarisches Werk kurz vor der Vollendung steht. Ungarn ist nicht das einzige Land, das um chinesisches Industriekapital wirbt – aber eines der am weitesten fortgeschrittenen.



