Vilnius hat beschlossen, dass seine Energiewende nicht länger im Tempo seiner Bürokratie vorankommen soll. Litauen hat ein Paket gesetzgeberischer Reformen verabschiedet, das die Entwicklung erneuerbarer Energien neu beleben soll: Projektverlängerungen von bis zu 48 Monaten, halbierte Sicherheiten, die Entwickler stellen müssen, und gelockerte Genehmigungsanforderungen, die den Ausbau ausgebremst hatten. Für ein Land, das sein Stromnetz mit Volldampf grün machen will, ist die Botschaft an Investoren eindeutig: Die Pipeline wird wieder geöffnet.

Der Zeitpunkt könnte kaum treffender sein. Eine aktuelle Studie zur Elektrifizierung Europas kommt zum Ergebnis, dass der schnellste Anstieg der Elektrofahrzeuge auf dem Kontinent in Osteuropa erwartet wird — wenn auch von einem niedrigeren Ausgangsniveau — und dass Städte, die intelligentes Laden einsetzen, ihre netzbezogenen Kosten für E-Autos um bis zu 40 Prozent senken könnten. Litauen verkabelt sich damit faktisch vor der Welle: mehr erneuerbare Erzeugung auf der einen Seite, ein rasant wachsendes Ladenetz auf der anderen.

Dieses Ladenetz ist bereits beachtlich. Nach Daten der litauischen Vergleichsplattform ikrovimo-kaina.lt verfügt das Land über 1.901 öffentliche Ladestationen mit 6.223 Ladepunkten, Schnellladen mit Gleichstrom ist an 866 Stationen verfügbar, und 404 davon leisten 150 kW oder mehr. Dieselbe Plattform verfolgt alle öffentlichen Netze des Landes und veröffentlicht kWh-Preise für AC- und DC-Laden — ein Maß an Transparenz, das die Betreiber im Wettbewerb um jeden stromhungrigen Fahrer hält.

Der kompetitive Markt mit zahlreichen Betreibern, der dort entstanden ist, könnte genau das sein, was Europa jetzt braucht. Mercedes-Benz hat sein direktes Infrastrukturgeschäft in der Region gerade abgeschlossen und das von ihm betriebene europäische Ladenetz an das französische Unternehmen Electra verkauft — ein deutliches Zeichen, dass Autobauer sich aus dem Betrieb von Ladestationen zurückziehen und das Feld spezialisierten Netzen überlassen. In Litauen, wo zahlreiche unabhängige Betreiber bereits mit Preis und Ladeleistung um Fahrer werben, bestätigt dieser Rückzug ein Modell, das still und leise gereift ist.