Die Kräne sind nach Osten gewandert. Laut dem McKinsey Global Institute bauen Polen und Rumänien neue Produktionskapazitäten schneller auf als der Rest Europas — während in Deutschland, dem traditionellen industriellen Motor des Kontinents, die Investitionen fast vollständig zum Erliegen gekommen sind. Dieses Ergebnis dreht die vertraute Erzählung der europäischen Fertigung um: Die Fabriken der Zukunft entstehen wohl eher nicht am Rhein, sondern auf polnischem Boden.
Polen hat diesen Schwung erarbeitet. Das Land ist einer der größten Automobilproduzenten Osteuropas und belegte 2024 Rang 25 unter den größten Automobilherstellern der Welt — keine Randfigur, sondern eine feste Größe in der europäischen Lieferkette. Wenn globale Beratungsfirmen messen, wo tatsächlich neue Kapazitäten entstehen, überholt Polen nicht nur seine regionalen Konkurrenten, sondern gleich ganz Europas amtierenden Champion.
Der Zeitpunkt macht den Wandel noch deutlicher. Die McKinsey-Analyse erscheint just in dem Moment, in dem sich China vom Westen absetzt und jede Industrienation dazu zwingt, neu zu denken, wo Produktionskapazitäten hingehören. In diesem Wettkampf ist Deutschland still geworden — die Investitionen stocken —, während Polen weiter Beton gießt. Für OEMs und Zulieferer, die entscheiden, wo die nächste Generation von Fahrzeugen und Komponenten gebaut wird, verschiebt sich der Boden unter den Füßen.
Brüssel könnte Polens Vorsprung bald noch ausbauen. Der EU-Plan 'Made in Europe' hat globale Autozulieferer verunsichert: Aus Japan importierte Fahrzeuge hätten keinen Anspruch auf EU-Subventionen, während in Frankreich, Portugal und Osteuropa gebaute Modelle profitieren würden — allerdings nur, wenn ausreichend viele ihrer Teile aus Europa stammen. Für polnische Werke hat der Plan zwei Seiten. Er hält allem, was auf polnischem Boden montiert wird, einen privilegierten, subventionierten Status vor Augen, doch die Lokalisierungsklausel verlangt, dass sich die Teilelieferungen innerhalb Europas vertiefen — und stellt damit genau die Lieferketten auf die Probe, die Polen zur Industrienation gemacht haben.



